Liebe Menschen in der Kirchengemeinde St. Johannis!

Zu Pfingsten wollen wir wieder vor die Kirchentür gehen, denn die Erfahrungen von Himmelfahrt, machen Mut auf mehr!
Wir haben wieder Gottesdienst gefeiert. Himmelfahrt vor der Kirchentür und gestern in der Kirche. Der Himmelfahrtsgottesdienst fühlte sich kaum anders an als die Gottesdienste, die wir früher schon draußen gefeiert haben. Klar, es fehlte der Chorgesang, die Posaunen, die Gemeinsamkeit mit den Nachbargemeinden und das anschließende gemeinsame Kaffeetrinken aber sonst war es eigentlich wie immer.
Der gestrige Gottesdienst war schon atmosphärisch anders als die „normale“ Feier, ohne Gesang, eingeschränkter Umgang, die soziale Komponente eines Gottesdienstes fehlte - das miteinander Reden vorher und nachher, die Begrüßung, das Händegeben, die Umarmung. Wir sehen mal, was die Zukunft bringt.
Zu Pfingsten wollen wir wieder vor die Kirchentür gehen, sofern das Wetter mitspielt. Es ist einfach eine schönere Atmosphäre vor unserer Kirche bei Sonnenschein, als in der Kirche unter den noch geltenden Einschränkungen. Da fällt einem auch der Abstand nicht so schmerzlich auf, den wir zueinander einnehmen müssen. Und das Singen ist erlaubt, wie schön. An dieser Stelle merkt man dann doch die Wichtigkeit der Musik, die Gemeinsamkeit und das Miteinander beim Singen, die Verbundenheit, die dadurch entsteht und nicht nur die Herzen erwärmt.
Wie wird es sein in der Zukunft? Was wird sich ändern? Was wird sich auch ändern müssen? Was kann bleiben? Wo werden wir neue Formen finden? Fragen über Fragen. All das wird uns in der nächsten Zeit beschäftigen, denn ein Ende ist ja nicht abzusehen. Und die Prognosen verheißen auch nichts anderes. Eher noch Schlimmeres, wenn wir an die neuerlichen Entwicklungen in Südamerika denken. Und die Auswirkungen der Lockerungen lassen ja auch noch auf sich warten. Was passiert denn, wenn die Besucherströme - vorerst vielleicht nur aus dem Bundesgebiet - wieder nach Schleswig-Holstein kommen? Was ist denn mit den Gaststätten, den Hotels, den Parks, Museen und Kirchen? Was passiert dann eigentlich? Wir wissen es ja noch gar nicht! Gefühlt sind wir vielleicht schon viel weiter aber das kann trügerisch sein.
Wir werden wohl solange damit leben müssen, bis geeignete Medikamente oder ein Impfstoff gefunden sind. Bis wir also zur „Normalität“ zurückkehren können, werden wir uns behelfen müssen.
Die digitalen Formate werden sicher zunehmen. Das Internet, YouTube und die sozialen Medien werden einen großen Teil unserer Beschäftigung einnehmen. Die letzten Wochen haben einige schöne Beiträge im Netz hervorgebracht. Gottesdienste ganz besonderer Art mit guten Predigten und schönen solistischen Gesangseinlagen. Manch einer meiner Kollegen/innen hat sich auf Facebook oder Instagram versucht - lohnenswert.
Selbstverständlicher wird es wohl für noch mehr Menschen werden, als es überhaupt schon ist, diese Medien zu nutzen, Informationen zu bekommen. Und in die andere Richtung hat es sich bereits geöffnet. Die Kirche wird und muss hier auch präsenter sein. Vielleicht ersetzt sogar das eine oder andere manch ein altes Format. Von dem, was man geglaubt hat, was unabänderlich ist, hat sich ja in den letzten Jahrzehnten auch so manches geändert. Die gesamte Informationsübermittlung, das Fernsehverhalten der Menschen, der Ersatz, oder positiv gesagt, die Ergänzung der Printmedien. Ich kennen mittlerweile viele Menschen, die gar kein Zeitungsabonnement mehr haben, weil sie sich über das digitale Angebot ausreichend informiert glauben oder das Kaufverhalten der Menschen, die gerne zuhause sitzen und Preise im Internet vergleichen und dann online bestellen u.v.a. mehr.
Wir werden sicher aufpassen müssen, dass bei diesen Änderungen keiner hinter runter fällt, vergessen wird und aus dem Blick gerät und wir werden aufpassen müssen, dass wir nicht auf echte Begegnungen vorschnell verzichten, auf echte Begegnungen mit echten Erfahrungen. Es ist natürlich was anderes, ob ich ein Gespräch führe und meinem Gesprächspartner leibhaftig gegenüber sitze oder ob ich mit ihm telefoniere oder über einen Videodienst kommuniziere. Und Gruppenkommunikation ist nochmal etwas ganz anderes und Gruppenerlebnis sowieso.
Wenn wir nicht in unserem Land einer neuen Welle ausgesetzt werden, dann gilt es wahrzunehmen, was denn alles anders werden wird. „Die Welt nach Corona wird eine andere sein“, sagte der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gleich nach dem Ausbruch der Pandemie. Ob sie wohl auch eine bessere Welt wird? Das liegt sicherlich an uns.
Das betrifft natürlich nicht nur die formalen Bereiche der Äußerungen unserer Kirche und die Art und Weise, wie wir - als Kirche - präsent sind. Es betrifft selbstverständlich das gesamte gesellschaftliche Leben. Und spannend für uns Theologen bleibt, ob die Theologie etwas dazu zu sagen hat, etwas dazu beizutragen hat. Vielleicht kann sie sogar etwas dazu beitragen, was andere nicht können.
Gerade jetzt, wo wir wieder auf Pfingsten zugehen, könnten wir an eine neue Geisteshaltung erinnern. Der Geist der uns zusammenhalten will. Der Heilige Geist will nicht nur ein Geist der Gebete und des Gottesdienstes sein. Deshalb hat ihn uns Jesus bei seinem Abschied auch verheißen: Als einen Begleiter, der zu einer bestimmten Zeit nicht nur an einem Ort sein kann, sondern einen, der gleichzeitig bei allen sein kann, überall auf dieser Welt. Der Geist Gottes will uns nahe sein in unserem Leben, will in uns sein, von innen her Kraft geben.
Wir haben eine einzigartige Chance für diese Welt, weil die Erfahrungen die gemacht werden, von allen Menschen gemacht werden. Das gibt die Möglichkeit auch von allen Menschen, Veränderungen auf dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen zuzulassen. Sicher, ich weiß, dass das ein unglaubliches Unterfangen ist. Aber warum nicht?! Nicht zurück zur „Normalität“ der alten Welt sondern hin zu einer neuen Wirklichkeit, zu einer neuen Welt.

„Was immer das für ein Virus ist, die Mächtigen sanken vor ihm auf die Knie, es brachte die Welt zum Stillstand, wie dies niemand anderes geschafft hätte. Unsere Gedanken rasen immer noch hin und her. Wir sehnen uns nach einer Rückkehr zu dem, was wir Normalität nennen. Dabei orientieren wir unsere Zukunft an unserer Vergangenheit. Wir weigern uns anzuerkennen, dass es einen Bruch gibt. Aber es gibt ihn. Und doch eröffnet uns die schreckliche Verzweiflung über diesen Bruch die Chance, über die Weltvernichtungsmaschine nachzudenken, die wir selbst gebaut haben. Unter diesen Bedingungen wäre nichts schlimmer als die Rückkehr zur Normalität.
Historisch haben Pandemien die Menschen immer dazu gezwungen, mit der Vergangenheit zu brechen und sich die Welt neu vorzustellen. Die Corona-Pandemie macht da keinen Unterschied. Sie öffnet ein Portal, ein Tor zwischen dieser Welt und der nächsten. Wir können uns entscheiden, durch dieses Tor zu gehen und die Kadaver unserer Vorurteile, unseres Hasses, unserer Habsucht, unserer Datenbanken, unserer toten Ideen, unserer verdreckten Flüsse, unserer rauchverhangenen Himmel mitzuschleppen. Oder wir können mit Leichtigkeit durchgehen, mit kleinem Gepäck und bereit sein, uns eine andere, eine bessere Welt vorzustellen. Und für sie zu kämpfen.“ (Arundhati Roy, indische Schriftstellerin und politische Aktivistin; Dieser Text stammt von der Webseite https://www.publik-forum.de/Publik-Forum-09-2020)

Lassen wir doch den Geist kommen und vertrauen Gott mit seinen Absichten mehr als den Menschen mit ihren Absichten für diese Welt. Vertrauen wir darauf, dass sich unser Leben ändern kann. Vertrauen wir auf den Heiligen Geist. Auf den Geist, der mein Leben ausfüllen kann, der die Grenzen meines Alltags sprengen kann und in alle Bereiche meines Daseins eindringen will.

Liebe Menschen in der Kirchengemeinde St. Johannis!

Wieder stehen wir vor einer spannenden Woche. Wir werden sehen, was sie uns bringt.
Ihnen wünsche ich, dass Sie gesund sind und bleiben und dass Sie spüren, dass Sie behütet sind.

Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben, gilt weiterhin: Die Mitarbeiter/ -innen der Kirchengemeinde sind selbstverständlich für Sie da. In seelsorgerlichen Angelegenheiten erreichen Sie mich jederzeit telefonisch unter 04322/4014.
Die Kirche ist tagsüber für Sie zum Gebet geöffnet.

Handeln Sie besonnen, bleiben Sie behütet und achten Sie auf Ihren Nachbarn!

Ihr Pastor

Henry Koop

 

P.S. Herzliche Einladung zum Pfingstgottesdienst am Sonntag vor der Kirchentür um 10.40 Uhr